Ein Interim Manager als Chance

In meinem heutigen kurzen Beitrag möchte ich – angeregt durch einen Austausch mit einem Kollegen – einen weiteren Schritt in die Richtung tun, Ihnen einen zusätzlichen, vielleicht auch anderen Blickwinkel auf den Berufsstand des Interim Managements zu eröffnen.

Ich denke oft darüber nach, warum wir im Verhältnis zu dem, was wir zu leisten imstande sind, so relativ zurückhaltend nachgefragt werden. Ja natürlich, kein Interim – Manager benötigt wöchentlich neue Anfragen, denn unsere Mandate beschäftigen uns meist 6-18 Monate. Dennoch müsste der Run auf unsere Branche zu allen, aber speziell auch in diesen Zeiten enorm groß sein. Wie sieht es aber in der Praxis aus? Die Nachfrage aus dem Mittelstand ist allgemein mäßig, eine ganze Branche – nämlich unsere Provider – leben davon, unseren Berufsstand aktiv zu bewerben und trotzdem gelingt es nur hin und wieder (gemessen am Potenzial), den Bedarf für einen Interim-Manager zu wecken. Gerade jetzt, wo man normalerweise erwartet, dass es einen Boom geben müsste, ziehen die Unternehmen ihre Anfragen zurück.

Verkehrte Welt?

Mir scheint, dass wir allzu oft aus Unternehmersicht nur mit der Überbrückung offener Vakanzen assoziiert werden und es auch den Providern nicht gelingt, den wirklichen Mehrwert eines Interim-Managers zu kommunizieren. Vielleicht ist es auch der einfachste Weg, lediglich die Besetzung einer vorübergehend unbesetzten Position anzubieten, vielleicht ist der breiten Masse der Unternehmer aber auch einfach nicht bewusst, dass ein Interim Manager nicht ausschließlich unbesetzte Vakanzen ausfüllen kann, sondern durchaus auch einen enormen Mehrwert  auf einer vorübergehend zusätzlich geschaffenen Position erbringen kann. Zumindest wären das mögliche Erklärungen. Sehr wahrscheinlich lernt auch der Interim – Provider – Markt gerade, dass man in der Vermarktung unseres Berufsstandes noch große Potenziale hat. Mir scheint jedoch, dass es den großen Erkenntnis-Flash noch bei den wenigsten gegeben hat.

Interim Manager besitzen in vielen Fällen eine lange berufliche Historie in Führungspositionen, eine sehr ausgeprägte Sozialkompetenz und das fachliche Know-How der Weltmarktführer aus vielen unterschiedlichen Aufträgen.

Ein externer Manager auf Zeit ist kein Kostenfaktor, er erwirtschaftet einen echten Mehrwert – nicht nur in Krisensituationen.

Er ist eine Investition in die Zukunft eines Unternehmens, er bereitet den Boden für nachfolgende Manager in Festanstellungen, justiert die Ausrichtung der Firma möglicherweise nach, kristallisiert ganz klar Potenziale heraus, die man als Inhaber oder Angestellter in Führungsposition schon allein aus Betriebsblindheit (neben vielen anderen Faktoren) nicht erkennt und er kann Erkenntnisse einbringen, zu denen es bei einer normalen Entwicklung eher zufällig oder erst über mehrere Jahre kommen würde. Er ist in der besonderen Position, dass er zur ohnehin langjährigen Führungserfahrung in besonders schwierigen Situationen auch spezielle Erfahrungen zum Beispiel über die effektive Organisation von ganzen Unternehmen und Abläufen einbringen und implementieren kann.

Es gibt in vielen Organisationen offensichtlich einen blinden Fleck für das enorme Potenzial, das in jedem einzelnen Unternehmen steckt. Selbst in vermeintlich aussichtslosen Situationen. Um aus meiner eigenen Entwicklungserfahrung zu sprechen, möchte ich hier gern das Beispiel eines Mentors heranziehen. Ich bin immer wieder zutiefst dankbar dafür, wenn mir Menschen begegnen, die mir einen neuen Blickwinkel eröffnen und mir ermöglichen, zu wachsen. Ich nehme Kritik und Hinweise gerne an, denn ich weiß, dass wertvolle Hinweise es mir ermöglichen, mich selber positiv zu entwickeln. Hinweise und Kritik sind für mich gewissermaßen eine Abkürzung zum Erfolg. Wenn mir jemand aus den Fehlern, die er selber schon gemacht hat, berichten kann und mir aufzeigt, was er daraus gelernt hat, muss ich diese Fehler selber nicht mehr machen. Wenn ich dabei bin, einen falschen Weg zu betreten, kann er mir nützliche Hinweise darüber geben, wie ich effektiver zum Ziel komme. Ich muss mich lediglich darauf einlassen und mir darüber im Klaren sein, dass ich alleine unmöglich in der Lage bin, aus meinem bescheidenen Blickwinkel immer das Bestmögliche zu tun, wenn ich keinen neuen Input bekomme. Bin ich mitten auf einem unglücklichen Weg, merke ich das gar nicht, bis ich nach einer langen Zeit wahrnehme, dass ich mein Ziel nicht erreiche.

Warum werden wir Interim – Manager zu wenig als Mentoren und Unterstützer wahrgenommen?

Selbst wenn der Gedanke im für externe Unterstützung im Unternehmer keimt, schreckt er vor den Kosten zurück, denn es liegt außerhalb seines Blickwinkels, dass ein externer Manager helfen kann und deutlich mehr als sein Einkommen für das Unternehmen erwirtschaftet, wenn er nicht in der vorliegenden Unternehmenskultur und mit den Besonderheiten des Produktes aufgewachsen ist. Sehr oft begegne ich gerade an dieser Stelle großen Vorurteilen, doch gerade darin liegt die große Chance.

Wäre ich im betroffenen Unternehmen aufgewachsen, wäre ich Teil des bestehenden Systems und könnte keinen neuen Input liefern, keinen Anstoß geben, um einen (arbeitskulturellen) Wandel herbeizuführen. Ohne zusätzlichen Input in ein vorhandenes System keine Entwicklung. Das ist sehr wahrscheinlich stark abstrahiert, in einem über viele Jahre gewachsenen Unternehmen mit starken Charakteren in der Führung jedoch ein oft beobachteter Umstand. Wer dies nicht erkennt, schränkt seine Möglichkeiten für die Zukunft enorm ein.

Ein Interim Manager ist keine Rolex – nichts, was man sich nur ordert, weil man ein Luxusproblem hat. Ein Interim Manager kann jetzt Mentor, die Lösung, die fehlende Unterstützung sein. Seine Arbeit ist sogar ausgesprochen preiswert, wenn man sich die Möglichkeiten und Ergebnisse vergegenwärtigt. Er kann den entscheidenden Input von außen liefern, denn er transferiert Kenntnisse, Erfahrungen und Erfolge aus der eigenen Arbeit in weitere Unternehmen, während auch er selber sich permanent entwickelt. Die Arbeit in einem neuen Unternehmen ist kein bloßer Wissenstransfer. Kein Manager trägt das einst Erlernte nur von einem zum anderen. Während eines Einsatzes erlangt er selber neue Erkenntnisse und generiert Lösungen, die ihm bei künftigen Aufträgen ermöglichen, noch effizienter, punktgenauer helfen zu können.

Ein Interim Manager bildet sich zusätzlich permanent auf seine eigenen Kosten fort, um den Anforderungen des Marktes auch morgen gerecht zu werden. Auch im zurückliegenden, wie in den Jahren davor habe ich in meine eigene Fortbildung mehrere Wochen investiert, um für Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, bei plötzlich veränderten Wettbewerbsbedingungen oder geänderten politischen Rahmenbedingungen die jeweils bestmögliche Lösung zu generieren.

Welches einzelne Unternehmen bietet denn seinen Mitarbeitern diese Möglichkeiten?

Welches einzelne Unternehmen kann denn bei sich auf einen derart umfangreichen Erfahrungs- und Wissensschatz zurückgreifen?

Warum nutzen nicht viel mehr Unternehmen dieses Potenzial?

Sehr wahrscheinlich, weil man Lösungsansätze nur intern vermutet. Selbst, wenn viele Ideen zur Verbesserung der Lage tatsächlich vorhanden sind, werden sie vielfach nicht gehört oder können sich nicht durchsetzen, weil der Ideengeber nicht mit der entsprechenden Durchsetzungskraft ausgestattet ist. Auch in diesem Fall bietet Interim Management wieder einen entscheidenden Vorteil: Ein externer Manager auf Zeit muss sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen arrangieren, sondern kann neben selbst eingebrachten Vorschlägen auch vorhandene Ideen neu und neutral bewerten und wenn er mit der entsprechenden Autorität ausgestattet ist, auch durchsetzen.

Die entscheidenden Fehler, die zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit führen, werden in Unternehmen nicht oder nur zu sehr geringen Anteilen bei der Erbringung der eigentlichen Kernkompetenzen gemacht, sondern in den Abläufen, in der Art, wie diese Kernkompetenzen in den Markt gebracht werden. Neben einer häufig zu großen Fertigungstiefe, die große Risiken birgt – wie wir gerade in diesen Zeiten sehen – sind viele Unternehmen höchst ineffizient organisiert und selten in der Lage, durch die Art der Führung und dem Umgang einerseits mit dem Generieren, andererseits mit dem Umsetzen von kreativen Anregungen ein Klima der permanenten Weiterentwicklung zu schaffen. Und exakt dieses Problem haben sowohl Unternehmen mit eigenen Produkten als auch Lohnfertiger gemeinsam.

Sehr wahrscheinlich sind diese und ähnliche Aspekte in unseren produzierenden Unternehmen noch nicht präsent genug. Wir Interim Manager überlassen die Vermarktung unserer Arbeitskraft blind den Providern, ohne einmal für uns zu hinterfragen, wie wir denn angeboten werden. Auch ich bin verschiedenen Providern dankbar für vermittelte Aufträge und auf absehbare Zeit wird es wohl schon wegen der größeren Reichweite nicht ohne sie gehen. Vielleicht bedarf es jedoch künftig einer Stärkung unseres Berufsstandes durch eine bessere Differenzierung zwischen der vorübergehenden Besetzung einer Vakanz oder einer nur zeitlich begrenzten Leistungserbringung einerseits und andererseits der gezielten Unterstützung von Unternehmen, die sich entweder idealerweise aus der Position des Weltmarktführers heraus permanent weiter entwickeln wollen, oder aber wissen, dass sie ohne fundierte Unterstützung, neue Blickwinkel und Anregungen für die künftige Arbeit den Anschluss an den Markt verlieren werden. Dass es zur Durchsetzung von tiefgreifenden Änderungen erforderlich ist, dass man in Unternehmen die entsprechenden Möglichkeiten bekommt und die volle Unterstützung der Geschäftsleitung benötigt, ist selbstverständlich. Am einfachsten lassen sich notwendige Veränderungen umsetzen, wenn man von der Position eines Interim CEO oder COO heraus agieren kann, aber auch andere Konstellationen sind denkbar, wie zum Beispiel eine interimistisch angelegte Position eines Transformations-Beraters, wenn die Organisationen gewisse Dimensionen überschreiten oder die entsprechenden Positionen in der ersten Führungsebene nicht vakant sind.

Für die flächendeckende Erzeugung des Bewusstseins im Mittelstand, dass wir Interim Manager entscheidende Hilfestellungen gemeinsam mit Umsetzungsstärke mitbringen und unsere ganze Kraft dafür einsetzen, dass sich Mittelständler am Markt auch nach großen Krisen behaupten können, sollten wir uns gemeinsam einsetzen. Unser Potenzial liegt brach in einer Zeit, da man uns bitter nötig hätte.

Alle Beteiligten – sowohl wir als gerade auch die Unternehmer – verlieren derzeit, da wir uns primär auf vakante Führungspositionen fokussieren und uns zu wenig über den Mehrwert definieren.

Lesen Sie gern mehr in meinem Blog über den Nutzen von Interim Management oder über Nützliches rund um das Thema Kostensenkung und Produktivitätssteigerung in produzierenden Unternehmen.